Bei der Bildschirmtechnik werden Traumapatient*innen gebeten, sich die Erinnerungen wie einen Film auf einem Bildschirm vorzustellen. Das soll eine Distanz zu den Erinnerungen erschaffen und vor Überflutung bewahren. Die Erinnerung passiert nicht hier und jetzt gerade, sie ist nur auf dem Bildschirm zu sehen. Die Bilder auf dem Bildschirm können dann bewusst verändert werden, um Traumatisierten ein Gefühl von Selbstwirksamkeit gegenüber ihren Erfahrungen zu geben. So ein Bildschirm ist weniger eine eigenständige Technik und mehr ein Element, das auf viele verschiedene Weisen genutzt werden kann, von Flashbacks bis zum Trauma Prozessieren.
Erinnerungen managen
Eine Version der Anwendung ist, einen Bildschirm zu verwenden, um Kontrolle über Erinnerungen zu erlangen, wenn sie hoch kommen. Wir stellen sie uns auf einem Fernseh-Bildschirm vor und verändern dann Dinge am Bild:
- auf schwarz/weiß schalten
- den Ton abdrehen
- das Bild sehr klein machen
- es so hell oder dunkel drehen, dass man keine Details mehr sieht
- langsamer oder schneller ablaufen lassen
- in eine Ecke des Bildschirms verbannen
- den Sender wechseln zu einem anderen Bild
- den Bildschirm ausschalten
Betroffene berichten oft, dass sie das nicht besonders gut hinbekommen, wenn sie es mit einem richtigen Flashback zu tun haben. Vielleicht ist die nützlichste Intervention, die wir uns daraus merken können, den Aus-Knopf zu drücken und den Film zu beenden.
Szenen so manipulieren zu können, kann Menschen ein Gefühl von Kontrolle geben, aber es ist dabei nicht immer effizient und klappt auch nicht so gut für Flashbacks. Das ist ein wichtiger Teil der Geschichte der Traumatherapie und es ist auch Jahre her, dass ich irgendwen getroffen habe, die das zu diesem Zweck noch so verwenden. Schlichtes Orientieren und Grounding sind schneller und zuverlässiger darin, uns der heutigen Realität wieder bewusst zu werden.
Diskrimination
Was heute häufiger verwendet wird, ist ein Bildschirm oder ein geteilter Bildschirm, um uns zu helfen, die Unterschiede zwischen früher und heute zu finden. Bei dieser geteilten Bildschirm Technik bitten uns Ts, uns die Szene von früher auf einer Seite des Bildschirms vorzustellen und die heutige Szene, die wir damit vergleichen wollen, auf der anderen Seite. Dann finden wir alle Unterschiede, um sicher zu stellen, dass die Situation heute nicht die gleiche ist wie in den Erinnerungen. Das ist eine ungeheuer wichtige Übung. Dafür einen Bildschirm zu verwenden, könnte dabei vielleicht unnötig kompliziert sein. So einen geteilten Bildschirm mit detaillierten Szenen im Kopf zu behalten, ist eine kognitive Herausforderung, vor allem, wenn uns die Bilder stressen. Manche Leute stolpern über die Verwendung des Bildschirms bei der Übung, weil er eher behindert als zu helfen. Die Elemente nacheinander durchzugehen und zu vergleichen, nimmt den Druck raus und gibt uns genug Distanz, um einen Bildschirm überflüssig zu machen. Ich persönlich mache die Übung mit Stift und Papier und Listen fürs Grounding und um eine gute Geschwindigkeit der Auseinandersetzung damit zu finden. In einer beobachtenden Haltung zu bleiben, hängt nicht von der Vorstellung eines Bildschirms ab. Das hilft manchen und andere fühlen sich bei der Anleitung hilflos, weil es nicht klappt und das ist nicht ihre Schuld. So ein geteilter Bildschirm ist mental sehr anstrengend.
Distanzierung beim Trauma Prozessieren
Die meisten Techniken zum Trauma Prozessieren setzen voraus, dass wir uns die Erinnerung anschauen können, ohne direkt davon überflutet zu werden. Bei allen brauchen wir einen Weg, um etwas Distanz zu wahren und nicht rein gesaugt zu werden. Manche Techniken setzen mehr auf den Bildschirm als andere. Manchmal seht ihr, dass Ts ‘Bildschirmtechnik’ als eigene Methode fürs Trauma Prozessieren angeben. Da fragt ihr am besten noch mal nach, was sie meinen. Das kann bedeuten, dass der Bildschirm das hauptsächliche Mittel ist, um eine beobachtende Haltung zu erlangen, während wir unsere Geschichte (immer wieder) erzählen. Das ist weit verbreitet und effektiv bei Mono Trauma und ist für Komplextrauma mit Dissoziation aus der Mode gekommen, weil es zu schwer ist, das so aufrecht zu erhalten.
Wir finden die innere Haltung von Distanz während wir eine Erinnerung beobachten in allen möglichen Ansätzen zum Trauma Prozessieren, aber dann werden weitere Elemente hinzugefügt, wie bilaterale Stimulation oder aktives Rescripting. Wir denken dann vielleicht nicht mehr darüber als einen Bildschirm und stellen uns das auch nicht mit diesem Bild vor. Ich persönlich glaube, dass es nützlicher ist, sich beim Üben auf das Beobachten aus einer gewissen Distanz zu konzentrieren (Reddemann redet vom Inneren Beobachter) als zwangsläufig auf einen Bildschirm. So ein Bildschirm kann auch ablenken vom eigentlichen Ziel, das wir erreichen wollen. Auf diesem Blog findet ihr solche Übungen zur Distanzierung von innerem Erleben unter dem Begriff des distanzierten Beobachters und nicht als eine für sich stehende Bildschirm-Übung.
Der Bildschirm in der DIS Therapie
Wenn wir mit DIS arbeiten, gibt es in der Regel Anteile, die sich nicht so fühlen, als wäre das Trauma ihnen passiert und die Erinnerungen sind auch nicht ‘ihre’. Die strukturelle Dissoziation kommt mit einer eingebauten Distanz, die uns Dinge beobachten lässt, als hätten sie nichts mit uns zu tun. Wir müssen das nicht extra üben. Das macht reine Exposition für DIS weniger sinnvoll. Techniken, bei denen erwachsene Anteile sich die Erinnerung anschauen sollen, führen nur zu der Art Taubheit, die für ANPs charakteristisch ist und nicht zur Integration. Gehirnstudien bestätigen diese typische ANP Reaktion auf Trauma Inhalte.
Könnte man theoretisch einen Bildschirm benutzen, um das Gefühl realer zu machen? Wahrscheinlich. Aber wahrscheinlich auch eine blöde Idee. Das führt nur zu Überforderung statt Integration. Überfluten ist keine Traumatherapie Technik.
Arbeiten wir mit jüngeren Anteilen, die über Trauma Bescheid wissen, haben sie selten die Kapazität, so ein Bild auf einem Bildschirm zu halten, um es zu prozessieren. Sie fallen in die Erinnerung rein wie ein Stein in den Brunnen. Von ihnen einen Bildschirm zu verlangen, ist, als würde man dem Stein sagen, er soll aber schweben. Lasst keine Kinder in den Brunnen fallen.
Das Trauma Prozessieren bei DIS setzt oft voraus, dass diese Anteile zusammen arbeiten und die erste Sorte Anteil die zweite Sorte während des Prozesses unterstützt. Ein erwachsener Anteil bleibt dann bei dem Trauma Anteil und bei ihrer beobachtenden Haltung. Der Trauma Anteil sorgt dafür, dass sich die Erinnerung realer und leidvoller anfühlt, wenn sie ihr Erleben teilen.
In Wirklichkeit ist dieser Prozess chaotischer und ineinander verschlungener als 2 Anteile, die zusammen mit etwas Abstand einen Traumafilm auf einem Bildschirm ansehen. Die Vorstellung des Bildschirms geht schnell verloren. In den 15 Jahren, in denen ich das mache, hat so ein Bildschirm nie die ersten 20 Sekunden überstanden. Wenn der Trauma Anteil nicht zumindest ein bisschen die Gefühle wiedererlebt, findet für niemandem im System eine Verarbeitung statt. Hier dient der erwachsene Anteil als ein Anker fürs Grounding in der Gegenwart und ist damit effektiver als ein Bildschirm. Sie sind direkt beim jüngeren Anteil in einem geteilten Raum von innerem Erleben und helfen ihm dabei, den nötigen Abstand zu gewinnen. Das fühlt sich mehr wie in der Notaufnahme an als wie ein Kinobesuch, aber wir sind eng dabei, um zu helfen. Austausch in der inneren Welt und geteilte Orientierung in der äußeren Welt haben einen viel höheren Stellenwert als ein Bildschirm.
Alternative Vorstellungen
Ich benutze schon lange keine Bildschirme mehr, aber ich verwende sehr ähnliche Konzepte, um gut durchs Trauma Prozessieren zu kommen.
Die Bühne
Eines davon ist eine Bühne. Wenn ich eine Erinnerung teile, baue ich dabei sowas wie ein Bühnenbild auf. Der Raum ist das Set, die Möbel die Requisiten und die Leute auf der Bühne spielen die Szene aus der Erinnerung nach. Das gibt jüngeren Anteilen mehr Distanz, weil das gerade nicht sie selbst sind in der Szene. Das ist nur ein Theaterstück, dass die früheren Geschehnisse nachstellt und sie selbst führen dabei Regie und sagen, was als nächstes passiert. Das ist immer noch mehr als genug, um die alte Erfahrung hochzubringen. Es macht es auch für die erwachsenen Anteile einfacher, zuzuschauen und Zeug*innen zu sein und das ernst zu nehmen. Während die Bühne den Trauma Anteilen Distanz bietet, bekommen die distanzierten Anteile eine berührende Vorführung, die die Realität der Erinnerung näher rücken lässt.
So ein Bühnenbild lässt sich einfrieren, sodass Anteile sich zwischen den Personen bewegen können, sich Details anschauen können oder etwas verändern. Das findet dann in 3D statt und seltsamerweise kann es das einfacher machen. Eine innere Erfahrung in ein 2D Bild zu verwandeln, ist mental schwieriger, als es in 3D zu lassen und mit Hilfe der Bühne geht die Distanz trotzdem nicht verloren, wenn man sich durchs Bild bewegt. Den Trauma Anteilen zu erlauben, das Stück so anzuleiten, dass es ihre Wahrheit der Geschichte erzählt, ist eine Menge Selbstwirksamkeit.
Das Puppenhaus
Ein anderes Bild, das ich oft verwende, ist ein Puppenhaus. Ist Trauma in einem Haus geschehen, können wir uns das anschauen wie ein Puppenhaus, bei dem eine Wand fehlt. Das ist auch wie eine kleine Bühne aufgebaut, aber wir bleiben außerhalb des Miniatur Hauses und schauen hinein. Die Szene ist dann vielleicht kein bewegter Film, sondern eine Reihe von Standbildern. Die Puppen, die die Szene für uns darstellen, müssen bewegt werden, um zu zeigen, was passiert ist. Dadurch entsteht eine große Menge an Selbstwirksamkeit und das ist ideal, wenn wir ohnehin mit einer Rescripting Technik arbeiten. Wenn wir die Geschichte neu erzählen, benutzen wir Spiel, um den jungen Anteil zu retten und die Puppenhaus Situation zu verändern. Die inneren Bilder und Erfahrungen sind dann immer noch sehr präsent und real und mischen sich immer wieder mit rein, die Distanzierung ist nie so stark wie man es bei solchen Bildern denken würde, aber gleichzeitig erhalten wir die Perspektive, außerhalb der Szene zu stehen, etwas besser. Manchmal kann es für die Integration der Erinnerung wichtig sein, zu bemerken, was zu der gleichen Zeit in anderen Räumen des Hauses passiert ist. Vielleicht raten wir und vielleicht wissen wir es und das führt zu einem breiteren Bild und damit vielleicht zu einem anderen Framing von dem, was passiert ist.
Der Grundriss
Ich benutze manchmal den Grundriss von Häusern oder Räumen. Zum Teil male ich die schnell auf, während ich eine Szene beschreibe und ich habe auch genauere und maßstabsgetreue Grundrisse von Orten, wo viel Trauma passiert ist, in meinem Therapie Ordner. Statt eines Bildschirms benutze ich den Grundriss wie eine Karte, die man auf den Tisch legen kann. Das wandelt alles in 2D und eine Vogelperspektive um, ohne dass ich das in meinem Kopf hinbekommen muss. Menschen, die mit einer Sandkiste arbeiten, mögen vielleicht ihre symbolischen Gegenstände für Anteile verwenden, um den Ablauf nachzustellen. Insbesondere Szenen mit mehr als einem beteiligten Anteil profitieren davon, die Geschichte so zu erzählen, weil es uns einen besseren Überblick gibt, während wir die Puzzleteile von Erinnerungen und einen zeitlichen Ablauf der Ereignisse zusammensetzen. So ist es für andere Anteile einfacher, auch mitzuwirken und erwachsene Anteile sehen, wie die Geschichte zusammen passt, ohne das im Kopf zusammenhalten zu müssen. Die inneren Bilder von Räumen kommen dabei hoch, aber wir können die Karte und Gegenstände für ein anfassbares Grounding verwenden. Einer der unerwarteten Vorteile dieses Ansatzes ist, dass wir nicht ständig unsere Ts anschauen und die nicht ständig uns. Wir schauen gemeinsam auf die Karte und das kann mehr von einem Gefühl von Verbundenheit bei Menschen erzeugen, die es nicht gut aushalten, angeschaut zu werden. Ts können uns nicht in den Kopf schauen. Eine solche Karte macht alles sichtbarer und teilbarer und kann Ts helfen, gute Fragen zu stellen.
Mein EMDR Prozess hat sich immer schon deutlich davon unterschieden, eine ganze Geschichte zu erzählen oder dabei auf eine ganze Geschichte zu schauen. Es fühlt sich mehr an, wie einem Seil zu folgen, das von einem Detail zum nächsten führt. Dabei wird der Rest der Szene unscharf, während Details verarbeitet werden und dann bewegt sich die Aufmerksamkeit weiter zu etwas, was damit in Verbindung steht. Die bilaterale Stimulation verlangt so viel Aufmerksamkeit in der äußeren Welt, dass sie erdet, während sie auch innere Verbindungen fördert, um eine geteilte emotionale Erfahrung zu schaffen. Ich stelle mir das vor, wie einem Seil mit Knoten von Details zu folgen und am Ende eines Seils angekommen, nach dem nächsten zu tasten. Für mich hat das wenig mit Bildschirmen zu tun, weil es wenig mit ganzen Szenen zu tun hat und mehr mit Netzwerken von Details, die sich über verschiedene Sinne und Erfahrungen verteilen.
Das sind alles nur Beispiele von Dingen, die für mich besser funktioniert haben als ein Bildschirm. Wie ein Bildschirm, wird das nicht für alle Menschen passen oder zu jeder Situation. Es ist ein normaler Verlauf, mit einem Bildschirm anzufangen und das dann schnell anzupassen und zu eigenen Bildern überzugehen. Wie bei der Vorstellung des Konferenztisches in der DIS Therapie, die, nachdem man die gelernt hat, ziemlich direkt abgewandelt wird, weil so viele Treffen mit dem ganzen System im wahren Leben gar nicht so nützlich sind, kann man auch die Bildschirmtechnik als einen Einstieg verstehen und nicht als der Weisheit letzter Schluss. Das ist eine Traumatherapie Tradition, aber man muss sich da nicht strikt dran halten. Die Abwandlungen davon basieren alle auf dem Grundprinzip, Distanz zu schaffen und gleichzeitig eine sichere Verbindung zum früheren Erleben zu erhalten. Dieses Ziel gilt es zu erreichen. Wie genau ihr das tut, liegt an euch. Es gibt keinen Grund, sich schlecht zu fühlen, wenn ihr mit der wortwörtlichen Anleitung zu einem Bildschirm nicht klar kommt. Der Bildschirm ist gar nicht das Ziel. Konzentriert euch auf das Grundprinzip und dann hält das auch der Realität des Prozesses stand.
Das ist ganz schön viel Meinung in einem Artikel. Ihr dürft eine andere haben. Erfahrungen sind so unterschiedlich wie Menschen.